Für ein Buchprojekt des Bonifatiuswerks habe ich einen offenen Brief an eins meiner Patenkinder geschrieben. Hier ein “Vorabdruck”:
Lieber Lars,
merkwürdig, Dir so öffentlich zu schreiben. Merkwürdig überhaupt, Dir zu schreiben. Kennst Du mich eigentlich noch?
Neulich las ich in „facebook“, wie sich ein Patenonkel anlässlich der Konfirmation regelrecht von seinem Patenkind verabschiedete. „Ich habe Dich 14 Jahre lang begleitet. Nun sind wir am Ziel.“ Mich hat das ein bisschen befremdet. Ist denn so ein Paten-Verhältnis nur eine Beziehung auf Zeit?
Dann bist Du mir eingefallen. Und ich habe ein schlechtes Gewissen bekommen. Denn irgendwie ist bei uns ja auch schon vor langer Zeit der Gesprächsfaden abgerissen. Rund um die Konfirmation war das wohl. Oder ein bisschen später.
Das hatte Gründe, klar. Deine Eltern haben sich getrennt. Und unsere Freundschaft zu ihnen wurde dadurch erheblich komplizierter. Irgendwie. Wen soll man künftig besuchen? Wen einladen? Ihn? Sie? Beide? Am Ende haben wir dann keinen mehr eingeladen oder besucht. Und Du bist dabei beinahe unbemerkt mit durchs Beziehungsraster gefallen.
Überhaupt habe ich ein bisschen darüber nachgedacht, nach welchen Kriterien man eigentlich Paten aussucht. Zu unserer Zeit hat man sich meist für gute Freunde entschieden. Nicht für Verwandte. Die hatte man ja ohnehin. Was wir aber nicht bedacht haben: Freundschaften unterliegen dem Auf und Ab und Hin und Her des Lebens. Man zieht in eine andere Stadt. Man entwickelt andere Interessen. Man lebt und denkt und fühlt sich auseinander. Erst dann merkt man, dass das Patenschaftsverhältnis ein Teil des Systems war. Und wenn das System ausfällt …
Nein, ich war wohl kein besonders guter Patenonkel. Klar, ich habe immer wieder einmal für Dich gebetet. Aber schon die Geschenke zum Geburtstag und zu Weihnachten hat meist meine Frau ausgesucht. Ich hab nur gnädig dazu genickt und die Karte unterschrieben.
Wir hätten uns mal treffen sollen. Nur wir zwei. Mal reden. Mal was unternehmen. Das wäre was gewesen! Patenonkel und Patentanten passen ja vielleicht ganz prima in die Gesprächslücke, die immer dann entsteht, wenn die Beziehung zu den Mamas und Papas schwierig wird. Aber ich weiß längst: „Hätte“ und „wäre“ sind zwei Firmen, die in Insolvenz gegangen sind. Und eigentlich habe ich das ja auch nur viel zu selten mit meinen eigenen Kindern geschafft.
Weil ich’s nicht geschafft habe? Oder weil ich’s nicht gewollt habe?
Ist doch komisch: Wenn man etwas wirklich will, dann schafft man’s meist auch. Dann hat man auch die nötige Zeit. Und das nötige Kleingeld.
Ich muss Dich also einfach um Verzeihung bitten. Und hoffe, dass Du inzwischen vielleicht sogar ein bisschen Verständnis hast. Schließlich bist Du selbst längst in einem Alter, in dem man eigene Kinder hat. Oder Patenonkel ist.
Vielleicht aber machst Du’s ja besser. Ich bewundere die jungen Väter heute. Die reden nicht nur davon, wie wichtig die Familie ist. Die leben das auch. Ich weiß, wovon ich spreche. Mein Sohn geht demnächst in Elternzeit …
Gibt es eigentlich auch eine Patenzeit? Na, wenigstens ein Patentag wäre von Zeit zu Zeit eine gute und sinnvolle Einrichtung.
Vielleicht rufe ich Dich ja in den nächsten Wochen mal an. Wenn ich mich traue. Oder .. meldest .. Du .. Dich .. vielleicht .. mal? Wär mir ja eigentlich viel lieber: Denn ich hab ein bisschen Angst davor, Du könntest fragen: „Wer ist da bitte?“
Aber es gibt ja zum Glück nach wie vor den „vermittelten“ Kontakt. Beten kann ich ja jederzeit für Dich! Dir Gutes von Gott zukommen lassen. Via Himmel.
Ich glaub, das mach ich gleich jetzt.
Liebe Grüße! Und vielleicht auf bald!
Dein Jürgen